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Warum ich schreibe...

{ Warum ich schreibe... }
Stella stand einen Moment regungslos mitten im Zimmer. Sollte sie wirklich? Aber der Gegenstand auf dem alten Schreibtisch, der hinten am Fenster stand, zog sie magisch an. Sie konnte nicht anders, sie musste ihn berühren. Sie horchte. Nichts war zu hören … alles war still. Vorsichtig ging sie einige Schritte durch den Raum. Blieb nochmals stehen. Warf einen Blick hinter sich. Ging weiter, bis sie direkt vor dem Eichentisch ihrer Großeltern stand, den sie schon als kleines Kind so geliebt hatte. Auf einer der kleinen Schubladen, die das antike Möbelstück hatte, oberhalb der Schreibplatte, stand er. Er war aus Glas, an manchen Stellen durchsichtig, an anderen von einem zart rosafarbenen Schleier durchzogen, der spiralförmig nach oben zu wandern schien. An anderen Stellen waren Glasblasen erkennbar, die wie Blütenblätter wirkten, sanft und zerbrechlich, zugleich zauberhaft und machtvoll. Stella konnte ihren Blick einfach nicht abwenden von der Traumkugel, die da in greifbarer Nähe vor ihr stand. Noch gestern, da war sich Stella sicher, war dieser Platz leer gewesen. Leer bis auf den Brief, den sie dorthin gelegt hatte. Jetzt war der Brief verschwunden. Was war geschehen? Wer hatte ihn genommen? Und wer hatte stattdessen diesen Briefbeschwerer hier abgelegt? Ob sie ihn nehmen durfte? Sie streckte die Hand aus, langsam, zögernd. Was würde geschehen, wenn sie ihn berührte? Ihr Wunsch … im Brief hatte sie ihn geäußert, offen, ungebremst, zügellos … hatte ihrer Fantasie freien Lauf gelassen … sich in eine andere, fremde Welt geträumt. Was wäre, wenn … Nein, das war völlig unmöglich! So etwas geschah in Träumen, in Büchern, in Filmen, aber doch nicht in Wirklichkeit. Nicht ihr, Stella! Entschlossen steckte sie die Finger aus und berührte die Traumkugel mit der Spitze des Mittelfingers. Da geschah es. Die Welt um sie herum begann sich zu drehen, schnell und immer schneller. Der Raum, in dem sie sich eben noch befunden hatte, verschwand und sie schwebte in einer gläsernen Röhre in spiralförmigen Wendungen nach oben, eingehüllt in eine orangenes, einem Sonnenaufgang ähnelndes Licht. Stella fühlte eine Leichtigkeit und Freude in sich aufsteigen, wie sie sie schon längere Zeit nicht mehr verspürt hatte. Alles war ihr so fremd, doch sie wusste genau, dass es keinen Grund gab, sich zu ängstigen. Sie ließ los und schwebte weiter und weiter nach oben. Es war, als ob sich alles, was sie je gedacht hatte, all ihre Erinnerungen, ihre Erlebnisse zu einem Musikstück verwebten (verwöben) und der Klang dieser Musik sie hinauftrug in eine Land, das hinter den Sternen lag, ein Land, das sie kennenlernen, erkunden wollte, was es auch kostete.

Birgit Hatzfeld, 10. Mai 2020