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Der Berg namens Corona

{ Der Berg namens Corona }
„Hier geht‘s hoch!“ Paul nahm den Finger von der Karte und zeigte auf einen kleinen Pfad, der sich durch spärliches Grün hin zu den zerklüfteten Felsen nach oben schlängelte. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als ich mitten zwischen den riesigen Steinen eine schmale Rauchsäule zum Himmel steigen sah. „Schau nur, da oben muss die Burg sein! Wir haben es fast geschafft!“ Paul nickte, verstaute die Karten wieder in der Seitentasche seines Rucksacks und nahm ihn hoch um ihn anschließend mit einem Schwung zu schultern. „Wollen wir?“ Er sah mich fragend an. Ich grinste. „Na klar – oder dachtest du, dass ich mit dir zwei Tage durch die Pyrenäen klettere und dann kurz vor dem Erreichen des Zieles schlapp mache?“ Paul grinste zurück. „Nicht wirklich. Auch, wenn ich manchmal nicht sicher bin, ob ich dich ehrlich davon überzeugen konnte, dass sich der heilige Gral dort oben auf dem Corona finden lässt.“ „Mnja ...“ antwortet ich schelmisch, „sie ist schon recht verwegen, deine Theorie! Also, so sicher bin ich nicht, dass sich bei dem Massaker auf der Burg Montségur tatsächlich einige Menschen hier auf die spanische Seite in Sicherheit bringen konnten. Schließlich waren die Katharer nach der langen Belagerung bestimmt richtig geschwächt. Mensch, 10 Monate … das ist kein Pappenstiel ...“ „Weiß ich ja!“ Paul wurde sofort ernst und bekam wieder dieses eigenwillige Glitzern in seinen Augen. „Es ist nachgewiesen, dass einige Katharer den Soldaten und Kreuzrittern entkamen. Und was läge näher als eine Flucht über die Berge nach Spanien. Ganz sicher waren es die besten Leute, denen das Wervollste, das die Gemeinde besaß, anvertraut wurde. Und die Information, die ich meiner Quelle entnehmen konnte, nämlich, dass es eine Verbindung hierher zu dieser Burg, den man damals noch Monte Corona nannte, gab, ist top secret!“ Ich nickte ungeduldig, denn Paul hatte mir seine Gedankengänge in den letzten Wochen schon des Öfteren erläutert. Er studierte in Paris am renommierten École des hautes études en sciences sociales Geschichte und verbrachte täglich mehrere Stunden in den Abgründen seiner geliebten Bibliothek. „Da kannst du ja Recht haben – bleibt eben noch die Frage, ob es den heiligen Gral überhaupt gibt oder gegeben hat. Vielleicht ist es einfach eine Legende, die sich die Kelten und die Christen und die Araber teilten. Du weißt schon … Parzival, die Ritter der Tafelrunde, Artus, der Zauberer Merlin und so.“ „Natürlich!“, ereiferte sich Paul jetzt, „wer glaubt schon, dass ein Kelch wirklich ewige Lebenskraft spenden kann – das ist Teil der Mythen, die man sich erzählte. Aber dass es ein überaus wertvolles Gefäß gab, etwas, woran sie glaubten, wofür sie zu kämpfen und Entbehrungen hinzunehmen bereit waren, das denke ich bestimmt. Auch eine Lanze könnte es in meinen Augen tatsächlich gegeben haben. Vertrau mir, Amélie, wir finden heute dort oben etwas Wichtiges“ Ich schaute ihm in die Augen, die mich offen anblickten, unverbogen, strahlend und wach. Wieder lächelte ich, ging einen Schritt nach vorne und küsste Paul auf die Wange. „Also, worauf warten wir noch – gehen wir! Vas-y! Schließlich scheint das Fest oben auf der Burg bald loszugehen ...“ Ich drehte mich um und begann, den schmalen Pfad entlangzugehen.

Wir gingen einige Zeit schweigend bergauf. Wieder konnte die wilde Schönheit dieser Natur bewundern, die hier in Aragonien im Norden Spaniens auf ganz ähnliche Weise zu finden war, wie ich sie aus Frankreich kannte: das saftige Grün in den Tälern, die breit angelegten Hänge, die von einzelnen wie grüne Tarnkappen hervorschauenden Bäumen oder ganzen Wäldern überzogen wurden und die daraus emporsteigenden, schroffen Felsen, die mal eher grau, mal eher bräunlich getüncht waren und im Licht der Morgensonne wie sanfte Riesen in der Landschaft wohnten. Dieser Landschaft fühlte ich mich tief verbunden, denn meine Eltern waren mit mir jeden Sommer in den Pyrenäen gewesen, seit ich laufen konnte. Dann hatten wir die stickige, von Hitze lahmgelegte Großstadt verlassen um volle sechs Wochen ein freies, einfaches Leben ohne Termine zu führen. Dort hatte ich auch irgendwann begonnen zu malen – etwas, wovon ich gar nicht lassen konnte und deshalb auch dabei war, es zu meinem Beruf zu machen. Die Liebe zur Landschaft war zugegebenermaßen auch der Grund dafür gewesen, dass ich gar nicht lange gezögert hatte, als von Paul die Frage kam, ob ich ihn Mitte Mai auf die Burg begleiten würde … Es war so, als ob er mich gefragt hätte, ob ich gerne nach Hause gehen würde und ja, natürlich wollte ich das. Natürlich wollte ich Schritte durch unwegsames Gelände setzen, Stunden durch die bizarre Felsenwelt wandern und meine schwitzenden Füße in einem Bergsee kühlen. Natürlich wollte ich dem schwachen Duft der Hornveilchen folgen, aus kühlen Gebirgsbächen trinken, mein Brot im Schatten eines Kastanienbaumes essen und dabei gemütlich vor sich hinzuckelnde Kuhherden begrüßen. Natürlich wollte ich wie eine Gämse über steinerne Hürden klettern, wie eine Wildkatze durchs Gestrüpp streifen und wie ein Adler mein Gesicht in Sonne und Wind strecken, den Blick fest auf eine nahezu unzerteilte Landschaft gerichtet. Natürlich! „Schau mal!“ Paul riss mich aus meinen Gedanken und zeigte auf einen Baumstamm, der ein Wegzeichen trug. „Ein Wanderzeichen, das uns an die Templer erinnert. Das rote Tatzenkreuz des Ordens. Wir sind auf dem richtigen Weg!“ Ich staunte, dass hier tatsächlich das Symbol des Templerordens, das mich an vier ineinander gesteckte Kelche erinnerte, zu finden war. Jetzt wurde ich neugierig auf Pauls Theorie – womöglich hatte er doch Recht und wir konnten auf der Burg etwas Spannendes entdecken. „Ja, sieht aus, als wollten deine Templer uns persönlich den Weg weisen“, antwortet ich deshalb vergnügt und gab Paul einen kleinen Schubser. „Na, warte, dich krieg ich!“ Er schnellte mit übertriebener Geste nach vorne, um mich zu fangen, doch ich sprang lachend davon. Keuchend rannten wir bergauf, uns wie Kinder spielerisch jagend, bis wir völlig außer Puste waren. Dann ließen wir uns mitsamt Rucksack ins Gras fallen und verschnauften. Als unser Atem ruhiger ging, griff Paul plötzlich nach meinem Arm. „Hör nur“, sagte er, „man kann schon Musik hören, die von der Burg herunterschallt.“ Ich lauschte aufmerksam. Jetzt hörte ich sie auch. Klänge, die an Jahrmarktsmusik erinnerten, drangen vom Berggipfel herab, als wollten sie uns eine Einladung schicken. „Es kann nicht mehr allzu weit sein. Komm, lass uns das letzte Stück in Angriff nehmen!“ Wir standen auf, klopften das Gras aus den Kleidern und machten uns erneut auf den Weg. Der Pfad führte nun in zunehmend enger werdenden Serpentinen nach oben und gab den Blick in die Ebene frei. „Unglaublich“, sagte Paul, der noch nie hier in den Pyrenäen gewesen war, „Es sieht aus, als sei die Landschaft gleichsam in drei unterschiedliche Ebenen geteilt. Unten ein offener, nur spärlich bewachsener Abschnitt mit kleinen Sträuchern, Zypressen und Gräsern, etwas weiter oben ein bewaldeter Abschnitt und ganz oben nur noch kahle Felsen. Ich glaube, allmählich verstehe ich besser, warum du die Pyrenäen so liebst!“ Ich lehnte mich kurz an ihn und lächelte. Wie schön, dass er meine Eindrücke und Empfindungen wie so häufig teilte. Vermutlich war das der Grund dafür, warum ich so gerne in seiner Nähe war. „Du hättest auch Maler werden können, du hast ein Auge für die Landschaft!“, sagte ich stattdessen und ließ meinen Blick schweifen. „Sieh nur, dort unten!“ Ich zeigte mit der Hand in eine bestimmte Richtung. Paul folgte meinem Blick und nickte. Am Fuße des Berges waren noch andere Menschengrüppchen unterwegs, um den Gipfel des Corona zu besteigen. Sie wirkten allesamt beschwingt und guter Dinge, denn man hörte gelegentlich Gelächter oder Sprachfetzen, die vom Wind zu uns heraufgetragen wurden. „Das Fest geht bald los. Wir sollten uns beeilen, damit wir uns vorher einmal umschauen können.“ Paul legte einen Zahn zu und ging mit großen Schritten voran, sodass ich Mühe hatte ihm zu folgen. Als wir einige der Serpentinen bewältigt hatten, mündete der Pfad unvermittelt in eine befestigte Straße, die von der anderen Seite des Berges hinauf zur Burg führte. Hier schlängelten sich bereits wenige Autos nach oben auf den ein Stück vor der Burg liegenden Parkplatz. Als wir der Straße noch etwa einen Kilometer nach oben gefolgt waren, zeigten sich die ersten Steine der von einer großen Schutzmauer umgebenden Burg. Sie hatten die typische grau-braune Farbe aller Burgen der Pyrenäen und wirkten auf unverwechselbare Weise mit den sie umgebenden Felsen verwachsen.
Näher kommend konnten wir die gesamte Anlage der Burg erfassen. Die Schutzmauer war an mehreren Stellen von runden Wehrtürmen unterbrochen, zwei der Wehrtürme standen rechts und links des großen Eingangstores. Hinter Mauer und Wehrtürmen reckte sich zum höchsten Punkt des Gipfels hin die eigentliche Burg mit rechteckigen Zwillingstürmen, Hauptgebäuden sowie einer alles umschließenden Festungsmauer in die Höhe. Auf der linken Seite erkannte man eine große Kirche, zu der auch der Hauptweg zu führen schien. Diese Burg war im Ganzen so imposant, dass wir beide unwillkürlich stehenblieben, um sie in Ruhe betrachten zu können. „Ein Königreich für eine Leinwand“, sagte ich mit einem Seufzer. „Ja, nicht zu fassen – die Anlage gibt es seit fast 1000 Jahren. Die Burg gilt als eine der schönsten in ganz Spanien. Nicht zu fassen!“, wiederholte Paul noch einmal, nahm meine Hand und zog mich durch das große schmiedeeiserne Tor ins Innere der Festung. Wir folgten dem Hauptweg nach oben und sahen, dass dort schon geschäftiges, buntes Treiben herrschte. Die Vorbereitungen für das um die Mittagszeit startende, mittelalterliche Fest waren in vollem Gange. Inmitten des Burghofes, zwischen Büschen und Felsbrocken, wurden Stände aufgebaut und geschmückt, Zelte befestigt, Waren herbeigetragen und auf Tischen ausgebreitet, Kostüme bereit gelegt und angezogen. Es war ein Bild wie in einem meiner Wimmelbücher „Cherche et trouve“, die ich als Kind so gerne betrachtet hatte. Einige Musiker hatten sich bereits um eine Lagerfeuer versammelt und spielten fröhliche spanische Folkloremusik. Auch hier hätte ich noch eine Ewigkeit bleiben und die Bilder einsammeln können, aber Paul zog mich weiter, mitten durch das Gedränge hindurch zum Haupteingang der Burg. Wir stiegen die ungleichen Treppen nach oben und betraten die nun rechts liegende Kirche durch ein romanisches Stufenportal, wie ich es schon von anderen älteren Kirchen Frankreichs kannte.
Innen war es sofort, als ob die Hälfte der Geräusche geschluckt würde – sie klangen nur noch abgeschwächt durch die offenen Fenster herein. Der kühl und mächtig wirkende Raum war mit einigen Sitzbänken bestückt, die zu einem steinernen Altar am Ende hin ausgerichtet waren. Durch die größeren, nach oben abgerundeten Fenster wurde er spärlich beleuchtet. Den Altar hatte man am heutigen Festtag rechts und links mit Pflanzen geschmückt, ansonsten waren die Wände ohne Schmuck und erschienen mir kahl und grau. Wir setzten uns für einen Moment auf eine der Sitzbänke um etwas Wasser zu trinken. Paul zog einen Plan der Burganlage heraus und gab ihn mir. „Sieh ihn dir genau an. Woran erinnert dich die seltsame Anordnung?“ Ich besah mir den Plan genauer. Außer der schematischen Skizze waren auch einige von oben geschossene Fotos zu sehen. „Ungewöhnliche Form … hm … sieht aus … wie eine Krone?“ Paul nickte vergnügt. „Nun weiß ich wieder, warum ich dich gerne dabei haben wollte.“ Er grinste mich frech an. „Besonders auf diesem Foto hier sieht es wirklich so aus.“, staunte ich und tippte aufs Papier. „Und sieh mal hier, die Kuppel der Kirche gleicht einer Perle der Krone!“ „Tatsächlich!“ Jetzt war es an Paul zu staunen. Er war mir einen anerkennenden Blick zu und stand dann rasch auf. „Komm, lass uns einen Rundgang durch die ganze Anlage machen!“ Ich folgte ihm durch eine große Holztüre in einen Innenhof, von dem aus wir uns die anderen überwiegend verfallenen Teile der Burg anschauten. Wir kletterten die Türme hinauf und erkundeten die Ecken und Erker der Ruine, die wohl in frühen Zeiten als Kloster fungiert hatte. Als wir am Ende unseres Rundgangs wieder in den Kirchenraum traten, merkte ich Paul seine Enttäuschung an. „Wo soll man hier mit der Suche beginnen? Wo würdest du einen wichtigen Gegenstand verstecken?“ Er schaute mich fragend an. Ich zuckte ratlos mit den Achseln. „Wenn es ein heiliger Gegenstand wäre, würde ich ihn in der Kirche, dem höchsten Punkt der „Krone“ verstecken. Allerdings habe ich keine Ahnung, wo man in diesem kahlen Raum tatsächlich etwas verstecken könnte. Es müsste ja zugleich ein sicheres und wiedererkennbares Versteck sein …!“ Man könnte etwas eingemauert haben, sodass es sich im Ganzen nicht sehr auffällig vom Rest einer Wand oder Säule abhebt“, meinte Paul. „Du meinst, eine Art Sockel!“, antwortet ich gedehnt und nickte bestätigend. „Möglich wäre auch, etwas unter einen Bodenplatte zu verstecken – vielleicht sollten wir uns den Boden einmal genauer ansehen.“ Paul senkte sofort den Kopf und schritt langsam und bedächtig über die unebenen Steinplatten, während ich alle Sockel auf ein Symbol oder einen Farbwechsel hin untersuchte. Als sich unsere Blicke wieder trafen, schüttelten wir beiden den Kopf. Nichts. Ich ließ meinen Blick wieder und wieder durch den Raum schweifen, bis er plötzlich einen Gegenstand streifte, der mich an irgendetwas erinnerte. Fieberhaft versuchte ich das „Etwas“ zu greifen und meinen Erinnerungsfilm zurückzuspulen bis zu dem wichtigen Detail, das meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Da sah ich es. „Paul“, rief ich, „Paul, der Altar!“ Paul folgte meinem Blick und verstand sofort. Der einfache steinerne Altar hatte einen Fuß, der mit auffälligen Ornamenten verziert war und eine ungewöhnliche Form besaß … die Form einer Vase oder eines Kelchs. Wir gingen nach vorne, knieten uns auf dem Boden und untersuchten den Fuß und seine Ornamente. Vorsichtig fuhr Paul über die Symbole. „Das könnten Palmetten sein, Pflanzenmotive, die den Lebensbaum symbolisieren“, sagte er aufgeregt. „Amélie, womöglich sind wir auf der richtigen Spur ...“ „Ja“, antwortete ich nun ebenso aufgeregt, „womöglich hast du hier wirklich etwas mit historischer Dimension entdeckt!“
„¡Hola! “, sagte plötzlich eine Stimme direkt hinter uns. Wie ertappt fuhren wir beide hoch und drehten uns überrascht um. Vor uns stand einen älterer Mann mit wenigen grauen Haaren und vielen Runzeln und Fältchen im Gesicht, der uns verschmitzt anlächelte. „¡Hola!“, grüßte ich zurück und kratzte meine Spanisch-Kenntnisse zusammen um ihm mitzuteilen, dass wir Franzosen waren und leider nur wenig Spanisch sprachen. „Kein Problem“, sagte er in einem zwar nicht ganz akzentfreien, aber flüssigem Französisch. „Haben Sie etwas verloren?“ Er schaute uns offen und mit unverhohlener Neugier an. Paul zögerte kurz, antwortete dann aber ehrlich: „Nein, Monsieur. Wir sind auf der Suche nach einem besonderen Gefäß, das hier auf dem Monte Corona versteckt sein könnte.“ Der Alte lächelte breit. „So, ihr seid auf der Suche nach dem heiligen Gral? Da muss ich euch leider enttäuschen. Andere haben ihn vor euch gesucht und auch den Altar“ – er zeigte auf den kelchförmigen Fuß – „aufs Genaueste untersucht. Leider vergebens.“ Als er Pauls enttäuschtes Gesicht sah, fühlte er sich genötigt, ihm noch weitere Erklärungen zu geben. Er legte eine Hand auf seine Schulter, als er fortfuhr: „Falls es den Gral wirklich gegeben hat und falls es sich dabei wirklich um einen Gegenstand, einen Kelch, handelte, dann ist es ganz unwahrscheinlich, dass gerade die Katharer damit etwas zu tun hatten – sie lehnten alles Materielle kategorisch ab!“ „Woher wissen Sie so viel darüber?“, fragte ich den Alten und blickte gespannt in sein freundliches Gesicht. „Nun“, antwortete er, „ich bin Fremdenführer auf dieser Burg, seit ich in Rente bin. Früher war ich Historiker und habe mich viel mit der Geschichte Aragoniens beschäftigt. Burgen und Klöster waren eines meiner Spezialgebiete.“ Wieder lächelte er sein breites Lächeln und machte mit der Hand eine schwungvolle Geste hin zum Portal. „Wir sollten uns unter die Menschen mischen und das Fest genießen. Ich freue mich, dass junge Leute wie ihr es seid, die weite Reise nach Spanien unternehmen, um der Geschichte und den Geschichten auf die Spur zu kommen. Seid meine Gäste und trinkt ein Glas Rotwein mit mir!“ Paul schien sich einen Ruck zu geben. „Gerne“, sagte er mit einem Räuspern, „danke für die Einladung.“ Wir folgten dem alten Mann nach draußen und tauchten ein in die Menge ausgelassen feiernder Menschen. Der Alte führte uns vorbei an zahlreichen kunsthandwerklichen Ständen hin zu einem Platz, an dem einige ältere Leute um ein Lagerfeuer saßen. Wir setzten uns auf seine Ermunterung hin dazu und bekamen Baguette, Schafskäse und Wein gereicht. „Ich heiße Raul und das ist meine Frau Adriana. Lasst es euch schmecken.“ „Mein Name ist Paul und das hier ist Amélie“, er blickte etwas zögernd zu mir, „meine Freundin“. Ich schaute ihn überrascht an und spürte mein Herz etwas schneller schlagen. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke neu. Dann lächelte ich ihn an und er lächelte zurück. Vorsichtig legte er einen Arm um mich. „Bist du sehr traurig, dass wir den Gral nicht gefunden haben?“, fragte ich. Paul lächelte weiter und schüttelte dann den Kopf. „Nicht wirklich.“ „Nun, manchmal findet man nicht genau das, was man sucht“, sagte Raul mit einem Zwinkern in den Augen, „aber vielleicht etwas viel Besseres!“ Er schaute amüsiert zwischen uns beiden hin und her, nahm seinen Weinkelch und stieß mit uns an. „Paul, dort drüben gibt es einen Wettkampf. Steine schleppen. Was meinst du, machen wir mit? Es gibt etwas zu gewinnen. Eine Krone – auf Spanisch sagen wir: Corona!“

Birgit Hatzfeld 30.3.2020